Der Schauplatz – eine unterschätzte Zutat?

„Ich will nicht so viel beschreiben.“

So etwas in der Art höre ich immer wieder von Autoren, mit denen ich im Textcoaching oder der Roman-/Krimi-Schreibwerkstatt zusammen arbeite. Und tatsächlich findet sich dann im lektorierten Text fast gar kein Hinweis auf das Umfeld. Was schade ist! Da steht dann nur so lau: Sie bogen um die Ecke …

Das andere Extrem ist auch hinderlich: seitenweise Beschreibungen im Manuskript, aber wo gehts hier zur Handlung? Wo sind denn die Protagonisten hingeraten? Man kann die Seiten überblättern, ohne was zu verpassen, ohne die Figuren zu verlieren – man hat sie im schlimmsten Fall schon aus den Augen verloren … und das Buch/Manuskript weggelegt (wenn man Verlagslektor ist).

Der Schauplatz als handelndes Element

In einer mitreißenden Geschichte passiert weder das eine noch das Andere. In einer Geschichte, an der wir keine Seite ungelesen überblättern, ist der Ort selbst zur Figur geworden, die die Handlung vorantreibt.

Sehr gelungenen macht das Cay Rademacher in „Der Trümmermörder“: Ein Mörder schleicht durch die Kriegsruinen Hamburgs (1947). Es ist der kälteste Winter seit Menschengedenken. Die leeren Fensterlöcher, Straßen, in denen keine Laternen mehr stehen, der Hafen zugefroren, eine höllische Kälte. (Ja, in der Hölle muss es kalt sein, denke ich.) Darin ein Kriminalpolizist, der seine ganz eigenen Probleme hat mit der Stadt, mit den Vorgesetzten, seinem vermissten Sohn.  Und immer wieder die Ruinen. Welche Häuser sind zerstört, welche nicht? Wo findet man die Ermordeten? Alles passt zusammen.

So macht man das!

Weiteres gelungenes Beispiel: „Die toten Gassen von Barcelona“ (Stefanie Kremser): Ein Mörder in den Gassen Barcelonas, in einem Viertel, in dem sich alles ändert  … traditionelle Viertel zerstört werden, Wohngegenden ‚aufgewertet‘, also verteuert werden … der Ort trägt zur Handlung bei! Auf eine ganz spezielle Weise, wie sich bei der Aufklärung herausstellt.

Mein Tipp für Dich:

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Kategorien: Ein Buch schreiben, Krimi schreiben, Romanschreiben | Schlagwörter: | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Der Schauplatz – eine unterschätzte Zutat?

  1. Im Anfangssatz habe ich mich ein bisschen wiedererkannt ;-). Ich schreibe Geschichten für Kinder und ertappe mich immer wieder dabei, dass ich nicht so viel beschreiben will, weil ich seiten- bzw. absatzlange Beschreibungen früher als Kind (und auch heute noch) auch nie gern gelesen habe. Viel lieber will ich Raum für eigene Vorstellungen haben bzw. lassen. Es gilt also, den goldenen Mittelweg zu finden, denn ganz ohne Beschreibungen des Umfelds wirkt ein Text ja auch eher blass. Den Schauplatz als handelndes Element zu begreifen, empfinde ich daher als wertvollen Tipp, der mir die vielfältigen Möglichkeiten einer Beschreibung noch einmal bewusst gemacht hat. Man kann die Beschreibung einer Wohnung beispielsweise auch als Charaktierisierung der Figur, der die Wohnung gehört, nutzen . Ja, da lässt sich viel draus machen … 🙂

    • An der Stelle würde ich den Beitrag gern mit dem anderen „Komm zum Punkt“ zusammen stricken. 🙂 Vermutlich hat man im Kinderbuch noch weniger Platz, umso wichtiger ist es, die entscheidenden paar Striche Beschreibung hinzuwerfen.

      Auf alle Fälle charakterisiert der Ort die Personen, die sich dort aufhalten, aber er kann noch viel mehr sein: In die Handlung hinein spielen, die Handlung mitgestalten. Denk mal an Scarletts Tara … Oder an den Regen, der in den Filmen traditionell die traurigen Szenen einleitet.

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